Kein Platz zum Schwimmenlernen

Von allen Sportarten dürfte Schwimmen wohl die einzige sein, die dem, der sie beherrscht, buchstäblich das Leben retten kann. Dennoch ist Schwimmen im Schulsportunterricht bestenfalls ein Randthema; an vielen Schulen kommt es überhaupt nicht vor – obwohl es im Lehrplan steht.
„Qualifizierter Schwimmunterricht und damit die Schwimmfähigkeit hat einen hohen Stellenwert bei uns“, betont Andreas Ofenbeck, Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums, im Gespräch mit „Kinder in der Stadt“. Im Lehrplan festgelegt sei nicht nur das Erlernen von Schwimmtechniken, sondern auch von Baderegeln und Rettungsschwimmen, aufbauend durch alle Jahrgangsstufen. Sowohl im bayerischen als auch im baden-württembergischen Bildungsplan ist für die Grundschulklassen 1 und 2 festgeschrieben, dass die Kinder ein Wassergefühl entwickeln und die Schwimmbewegungen lernen sollen, so dass mit Abschluss der zweiten Klasse möglichst alle Kinder sich zumindest auf „Seepferdchen“-Niveau über Wasser halten können. Am Ende von Klasse 4 sieht der bayerische Lehrplan ausdrücklich den Erwerb eines Schwimmabzeichens vor, „das den Fähigkeiten entspricht“, mindestens aber den Freischwimmer in Bronze.

Nachhilfe für die Schulen: In der letzten Woche vor den Sommerferien hat die Wasserwacht Bayern unter der Schirmherrschaft von Ilse Aigner (Foto), der Präsidentin des Bayerischen Landtags, eine Woche täglichen Schwimmunterricht durch Ehrenamtliche für vierte Grundschulklassen angeboten, der mit dem Bronzeabzeichen endete. 124 vierte Klassen von 63 Schulen in ganz Bayern mit insgesamt rund 3500 Kindern haben teilgenommen. Foto: zg


Soweit die Theorie. Ob und wie die Vorgaben des Lehrplans an den einzelnen Schulen umgesetzt werden, kontrolliert niemand. „Wir wissen, wie viel Sportunterricht stattfindet, aber nicht, wie viel davon Schwimmunterricht ist“, erklärt Elisabeth Holand, Schulamtsdirektorin im Schulamt Neu-Ulm. Sich derart selbst überlassen, entwickeln manche Schulen interessante Vorstellungen von der Aufgabenverteilung. Da kommt es schon mal vor, dass Drittklässler zu Schuljahresbeginn einen Brief heimbringen, in dem die Sportlehrerin sich empört: „Trotz unseres Aufrufs zu einem privaten Schwimmkurs in Klasse 2 kann die Hälfte der Kinder nicht schwimmen. … Leider werden dadurch die echten Schwimmer nicht zu ihrem Recht der Schwimmstilerweiterung kommen.“
So sei das eigentlich nicht gedacht, wundert sich Andreas Ofenbeck: „Es ist ja der Sinn der Schule, dass Lehrer Schüler anleiten und lehren, diese Kompetenzen zu erwerben.“
Doch in der Praxis müssen Eltern froh sein, wenn ihre Kinder im Sportunterricht überhaupt noch mit Wasser in Berührung kommen. „Nicht alle Schulen haben die Möglichkeit, Schwimm-unterricht zu erteilen“, räumt Elisabeth Holand ein, „weil es nicht überall Schwimmbäder gibt. Auch im Landkreis Neu-Ulm, der noch relativ gut versorgt ist, haben wir nicht für alle Klassen Schwimmbäder zur Verfügung.“


Und die Schulen müssen froh sein, überhaupt einen Sportlehrer zu finden, der sich den Schwimmunterricht antut. Einer, der es aus Überzeugung und mit Engagement tut, aus naheliegenden Gründen aber nicht genannt werden will, erklärt gegenüber „Kinder in der Stadt“: „Es ist schon ein großer Aufwand, bis man alle Kinder durch die Umkleiden und die Duschen geschleust hat und nachher retour plus Föhnen; je weiter das Schwimmbad entfernt ist, desto mehr Zeit geht außerdem für die Hin- und Rückfahrt mit dem Bus drauf; da bleibt von den anderthalb Stunden oft grad noch eine halbe für den Unterricht übrig. Wenn sich der Lehrer dann um die Anfänger kümmert, fangen die, die schon schwimmen können, an, Quatsch zu machen – oder umgekehrt. Da kann man schon verstehen, dass so mancher lieber einfach die ganze Klasse in der Sporthalle Völkerball spielen lässt.“
Wer sich nun nach einem „privaten Schwimmkurs“ umschaut, der sieht zunächst ein vielfältiges Angebot von Vereinen und privaten Trägern. Könnte man da schnell noch in den Sommerferien das Kind fit machen wie sich die zitierte Drittklass-Sportlehrerin das vorstellte? „Jeder unserer Ortsvereine bietet Schwimmkurse an“, berichtet Alfons Sailer von der Kreiswasserwacht Neu-Ulm „Die sind aber immer ganz schnell ausgebucht – eben weil Eltern es eilig haben.“ Anstatt auf den nächsten Kurs ein paar Monate später zu warten, nehmen viele Eltern lieber weite Wege oder hohe Kursgebühren (oder beides) in Kauf – oder verzichteten ganz.
Trotz der hohen Nachfrage steigt die Zahl der Schwimmkurse nicht: „Unsere Ehrenamtlichen sind schon ausgelastet“, gibt Alfons Sailer zu bedenken, „und selbst wenn wir Leute hätten, hätten wir keinen Raum: Außerhalb unserer aktuellen Trainingszeiten ist die Wasserfläche von anderen Vereinen belegt oder für die öffentliche Nutzung vorbehalten.“
Dasselbe Problem beschäftigt auch die kommerziellen Kursveranstalter, sogar in noch größerem Maße: „Wir als private Einmieter haben noch mehr zu kämpfen als die Vereine“, erklärt Andreas Roder, Regionalleiter Westbayern/Ulm einer privaten Schwimmschule, „weil wir natürlich als letzte dran kommen bei der Vergabe von Wasserfläche. Wir können die Nachfrage gar nicht befriedigen, weil wir keine Bäder bekommen. So geht es leider allen, auch die anderen Schwimmschulen klagen. Das führt zu einer seltsamen Wettbewerbssituation: Wir kämpfen nicht um Kunden, wir kämpfen um Arbeitsfläche.“alg

Konkrete Forderungen

Die stetig steigende Nichtschwimmerquote macht den Lebensrettern große Sorgen: „Wir haben schon jetzt, seit etwa sechs Jahren, mehr Einsätze und mehr Badeunfälle pro Jahr als damals, als die US-Soldaten hier waren, von denen viele nicht schwimmen konnten“, berichtet Alfons Sailer. Als diese Tendenz sich abzeichnete, haben vier baden-württembergische Schwimmverbände aufgelistet, was sich ändern müsste, damit die Kinder wieder schwimmen lernen können. Darunter sind konkrete Forderungen zu Form, Zielen und Kontrolle des Schwimmunterrichts an Schulen („Kein Kind verlässt die Grundschule ohne nachweisliche Schwimmfähigkeit (Jugendschwimmabzeichen Bronze)“) ebenso wie zur Lehrerausbildung („Anfängerschwimmen muss verpflichtendes Modul in der Grundschullehrerausbildung sein“) und Zukunftsweisendes wie „Die Verlängerung des Schultages in der verlässlichen Ganztagessschule muss für das Anfängerschwimmen genutzt werden“ und „Schwimmbäder dürfen nicht geschlossen werden“.

Die Eltern sollen‘s richten?

„Die Eltern müssen sich einbringen“, da sind sich alle Einrichtungen, die mit Schwimmunterricht zu tun haben, einig. Die Schwimmbewegungen selbst sollten den Kindern durchaus von Fachleuten beigebracht werden, aber „drei Stunden Sport pro Woche reichen nicht aus“, wie Stephanie Schopp vom Kultusministerium Baden-Württemberg betont: „Gerade Schwimmen lernt man nur durch Üben.“
Auch dazu müssten Eltern nicht den Hilfslehrer geben, meint Wasserwacht-Pressesprecher Graf: „Einfach regelmäßig ins normale Hallenbad gehen, gern schon mit dem kleineren Kind, um es ans Wasser zu gewöhnen. Dazu braucht man nur im Wasser zu spielen, vielleicht im brusttiefen Wasser nach den Ringen tauchen, die man beim Bademeister ausleihen kann.“ Auf keinen Fall, betont er, sollte man die Kinder ins Wasser werfen: „Das kann sehr kontraproduktiv sein.“
Gerade an der Wassergewöhnung hapert es immer mehr, hat auch Schwimmschul-Regionalleiter Andreas Roder festgestellt: „Immer mehr Kinder haben Angst vor dem Wasser. Das hatte man vor zehn Jahren noch nicht, dass ein Kind dasteht und brüllt, weil es noch nie ein Wasserbecken gesehen hat.“ Und er wehrt sich dagegen, die Eltern zu Alleinschuldigen zu erklären: Dass Familien nicht mehr so oft zum Schwimmen gehen, meint er liege nicht zuletzt daran, dass die „Zwei-Euro-fünfzig-Bäder“ aussterben: „Uns hat früher die Mama drei Euro in die Hand gedrückt und ein Vesper, und damit waren wir für den ganzen Tag im Hallenbad versorgt. Heute habe ich selber fünf Kinder; wenn wir mit denen ins nächstgelegene Hallenbad gehen, sind wir für vier Stunden mindestens 100 Euro los – denn in unserer Umgebung gibt es praktisch nur noch Freizeitbäder. Das einzige Hallenbad ist ein reines Schwimmerbad. Da ziehen geübte Schwimmer ihre Trainingsbahnen, und wer da nicht geordnet in der Bahn mithalten kann, dem geben die Bademeister mehr oder weniger höflich zu verstehen, dass man zum Planschen doch bitte ins Spaßbad gehen möge.“