Warum stresst das Kind?

Wir haben gerade richtig Probleme mit unserem Sohn Ben (3 Jahre). Vor zwei Wochen sind wir in unser neues Haus gezogen und im September kommt unser zweites Kind. Ben will seine Schuhe nicht alleine anziehen, dauernd soll ich ihm helfen. Dabei kann er das doch alles schon ganz alleine. Ich helfe ihm dann nicht, weil ich konsequent sein will. Er bekommt dann so einen Wutanfall, dass er sogar Sachen kaputt macht. Mein Mann fängt dann an zu schreien und ich auch.

Danke für Ihre mutige Frage. Mutig, weil Sie uns Einblick in ihren Familienalltag in einer Stresssituation geben. Und ich bin sicher, dass viele LeserInnen Ihre Frage lesen und entlastet sind, dass es auch bei anderen Familien schwierige Situationen gibt.
Aber fangen wir am Anfang an. Sie beschreiben, dass es für Ihre Familie gerade viele Veränderungen gibt. Der Umzug und die Geburt eines neuen Kindes sind freudige Ereignisse, die trotzdem eine Belastung darstellen. Auf der Stressskala ist der höchste Wert 100 Punkte. Die Geburt eines Kindes liegt bei 39 Punkten und ein Umzug bei 25 Punkten. Kein Wunder, dass ihr Sohn und Sie auf die Veränderungen auch mit erhöhtem Stress reagieren.
Kinder sind hier sehr sensibel und merken auch schon lange vor der Geburt, dass sich eine Veränderung anbahnt. Oft reagieren Kinder mit einem Rückgriff auf Verhaltensweisen aus früheren Entwicklungsphasen.
Kinder, die schon trocken waren, nässen wieder ein. Kinder, die schon alleine mit dem Nachbarskind im Garten spielten, lassen die Mama keine Sekunde mehr aus den Augen. Da helfen alle Ermutigungen „Du bist doch schon so groß!“ nichts.
Das Kind ist verunsichert und zeigt dies durch sein Verhalten. Die Signale sind oft Hinweise, „Ich brauche Dich!“ oder „Ich will Deine Zuwendung!“
Dann ist es auch wichtig, den Kindern diese Zuwendung zu geben und sie nicht abzuweisen und vielleicht sogar abzuwerten. „Du bist doch kein Baby mehr!“
Meist verändert sich das Verhalten nach einer Phase der Verunsicherung wieder und manche Kinder machen in der Folge dann sogar einen großen Entwicklungsschritt.
Schwierig wird es, wenn aus dem Schuhe anziehen ein täglicher Machtkampf wird. Dreijährige Kinder haben die Entwicklungsaufgabe, die eigene Identität zu entwickeln und sich von ihren Eltern abzugrenzen. „Nein!“ ist ein wichtiges Wort in diesem Alter, das schon einen kurzen Weg zum Spielplatz anstrengend werden lässt. „Nein! Ich will keine Mütze aufziehen! Nein! ich will keine Sonnencreme auf der Haut! Nein! Ich will nicht an der Hand die Treppe hinuntergehen.“
Eltern brauchen dann gute Nerven und einen Plan.
Da Eltern für die Kinder die wichtigsten Menschen auf der Welt sind, wird das NEIN am besten bei ihnen erproben. Das führt zu Aus-einandersetzung, die die Kinder – gewaltfrei und zugewandt – auch brauchen.
Gleichzeitig ist es hilfreich, Kindern Freiräume zu geben und gerade Dreijährige eigene Erfahrungen machen zu lassen, beispielsweise dass mein Kind ohne Schuhe auf den Spielplatz rennt und eigene Erfahrungen macht, wie unangenehm das sein kann. Und manchmal helfe ich meinem Kind einfach, obwohl ich weiß, dass es das schon selbst kann. Und dann gibt es Situationen, bei denen Sie einfach bestimmen, weil Ihnen die Einhaltung der Regel wichtig ist, z.B. dass das Kind im Sommer durch das Eincremen geschützt ist.
Kinder brauchen eine Mischung von Erfahrungen: bestimmte Dinge sind nicht verhandelbar, da entscheiden die Eltern. Bei einigen Situationen darf das Kind entscheiden und bei einigen Situationen wird gemeinsam überlegt, was eine gute Lösung ist.
Zurück zu den Schuhen: vielleicht braucht Ben zur Zeit – und auch schon eine Schwangerschaft ist für das ältere Kind eine Veränderung – Eltern, die großzügig ohne Kommentare ihm die Schuhe anziehen, wissend dass Ben das schon lange alleine kann.
Dann entscheiden Sie sich bewusst an den aktuellen Bedürfnissen ihres Kindes orientiert für das Schuhe anziehen mit Hilfe. Konsequentes Verhalten, das Ihnen wichtig ist, muss sich liebevoll an dem Kind und seiner Situation orientieren.
Und spannend ist, dass Sie als Eltern sich selbst in der Situation hilflos fühlen: Wenn Kinder wütend sind und schreien, brauchen Kinder Erwachsene, die ihnen helfen sich selbst wieder „einzukriegen“. Schreien die Eltern dann auch, wird es eskalierende Situationen ohne Lösungen geben. Ben lernt, wenn es schwierig wird, schreien alle. Dieser Mechanismus ist mit der Hilflosigkeit der Erwachsenen und zeigt die eigenen Schwierigkeiten, mit Gefühlen von Wut und Ärger umzugehen.
Dabei ist es so wichtig, dass Ihre Kinder von Ihnen als Eltern lernen mit ihren Gefühlen umzugehen. Die eigenen Kinder lösen starke Gefühle aus. Eltern können lernen mit diesen Gefühlen gut umzugehen: wir sprechen über Gefühle! Ich zähle erstmal bis 10 und atme tief durch! Ich nehme mir als Mutter oder Vater eine kurze Auszeit. sind nur einige Vorschläge. So können Sie Ben zeigen, wie er selbst mit seiner Wut umgehen kann.
Und zu guter Letzt: Haben Sie auch Verständnis für sich selbst. Eltern sind zum Glück nicht perfekt und immer wieder wird es Situationen geben, die sie nicht besonders gut bewältigen werden. Dann ist es wichtig, sich im Nachhinein Gedanken darüber zu machen und auch andere Ideen für den Erziehungsalltag zu entwickeln.
Veränderungen sind viel einfacher, wenn Sie sich sagen können: Ich mache als Mutter oder Vater Vieles sehr gut und Manches möchte ich noch verändern.
Dabei helfen Ihnen dann auch Gespräche mit andere Menschen oder mit den Berater*innen in der Erziehungsberatungsstellen. Diese Beratung ist übrigens kostenfrei!