Mein Kind akzeptiert kein „NEIN“

von:

„Wenn meinem Dreijährigen etwas nicht passt, schaltet er „die Sirene ein“: Er schreit in einem einzigen, ohrenbetäubenden Kreischton. Den hält er, scheinbar ohne Luft zu holen, viele Minuten lang durch. Ob er es auch stundenlang durchhalten würde, weiß ich nicht, weil ich es so lange nicht aushalte und ihm lieber gebe, was er will. Was kann ich tun, damit das aufhört?“

Antwort:
Das klingt richtig anstrengend: Ein kreischen des Kind löst bei Eltern natürlich Stress aus. Ist die Situation dann noch in der Öffentlichkeit, wird es für die Eltern noch schwieriger, da sie sich noch von anderen beobachtet fühlen. Ich rate Eltern gelegentlich, sich in so einer Situation vorzustellen, sie steigen in einen Heiß-
luftballon und sehen sich die Situation von oben an. Dann sehen Sie einen Dreijährigen, der sehr vehement einen Wunsch durchsetzen will. Die Eltern stehen daneben und schütteln mit dem Kopf, weil sie etwas nicht erlauben. Mit ausreichend Abstand ist der Ton nicht mehr hörbar und die Situation ist weniger belastend. Mit drei Jahren sind das Durchsetzen von Wünschen mit viel Power, das Ausprobieren, was kann ich erreichen, wichtige Entwicklungsaufgaben. Dabei durchleben Dreijährige vielfältige Gefühle. Die Begeisterung, wenn der gebaute Turm bis an die Zimmerdecke reicht, der Ärger,
wenn ein anders Kind dasselbe Spielzeug will, und die Wut über ein Nein der Eltern.
Das eigenen Ich entwickelt sich, dazu gehört auch die Abgrenzung von den Eltern und die Auseinandersetzung mit der Welt und den anderen Menschen, die vielleicht eine ganz andere Sicht auf die Dingen haben. All dies führt zu Spannungen, aber auch zu Erkenntnissen. Kinder brauchen dann Erwachsene, die ihre Gefühle begleiten und mit Ihnen über Gefühle sprechen. Denn Eltern helfen Kindern, dass sie Worte für die inneren Gefühlszustände lernen und diese dann äußern können. Jetzt nehme ich an, dass Ihr Sohn enttäuscht oder wütend ist, weil er etwas nicht bekommt. Seine Reaktion ist das Kreischen, andere Kinder legen sich auf den Boden und schreien oder
werfen etwas an die Wand. Kinder können sich in diesen Momenten noch
nicht selbstregulieren, das heißt mit den inneren Gefühlszuständen so umgehen, dass die Wut sich schrittweise wieder legt. Auch fällt es Kindern noch schwer, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Jetzt brauchen Kinder Erwachsene, die die Gefühle erfragen. „Bist Du wütend, weil Du das Eis nicht bekommst. Das ist auch blöd.“Dabei geht es nicht darum, die Wünsche der Kinder zu erfüllen, sondern mit den Gefühlen der Kinder umzugehen und, wenn nötig, Lösungen für die aktuelle Situation zu finden. Der Umgang mit Ärger und Wut oder Enttäuschung sind wichtige Lernschritt in dem Leben eines Menschen. Es werden ja noch viele Situationen im Leben eines Menschen kommen, die mit Enttäuschung verbunden sind, Eltern können den Kindern sehr gut zur Seite stehen,
wenn sie ruhig bleiben, die Gefühle des Kindes benennen, die sie vermuten und einfach Dasein und die Situation begleiten. Schwierig wird es, wenn Sie als Eltern erst
„Nein!“ sagen und das Kind dann kreischt und tobt und nach einiger Zeit doch „Ja“ sagen. Dann lernt das Kind nicht, mit seinen Gefühlen umzugehen, sondern lernt: Wenn ich ausreichend schreie, wird aus einem „Nein“ ein „Ja“. Häufig greifen Eltern in diesen Situationen auch zum Tablet oder Handy, damit das Kind nur ruhig ist. Was sie dem Kind damit beibringen, ist: „Wenn ich nicht klarkomme, dann greife ich zu digitalen Medien zur Gefühlsregulierung“. Kinder haben die tolle Chance, von ihren Eltern den Umgang mit Gefühlen zu lernen. Ich freue mich, wenn Eltern diese Chance nutzen und Ihre Kinder nicht nur im Umgang mit Freude und Begeisterung, sondern auch beim Umgang mit Ärger und Wut begleiten. Sprechen Sie nach so einer Situation mit Abstand nochmals mit dem Kind, über was es sich geärgert hat und auch, dass es für sie sehr anstrengend ist, das Kreischen auszuhalten. So lernen Kinder, sich mit Ihnen über Gefühle auszutauschen. Und: bei Fragen zur Erziehung können Sie kos- tenfrei eine Erziehungsberatungsstelle kontaktieren und einen Termin vereinbaren.