Kindesmissbrauch geschieht am häufigsten da, wo wir am wenigsten damit rechnen – nämlich in familiär-vertrauten Beziehungen. Egal, wie misstrauisch Fremde beobachtet werden: dem Kind ist damit nicht geholfen. Womit aber dann? „Kinder in der Stadt“ hat beim Kinderschutz-Zentrum mit der Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kinderschutzbundes Ulm/Neu-Ulm nachgefragt, der Kinder und deren Eltern in Fällen von körperlicher, sexualisierter, psychischer Gewalt, Vernachlässigung oder häuslicher Gewalt berät und Präventionsarbeit in Kindergärten und Schulen betreibt. Die Fragen beantworteten die Psychologin und Geschäftsführerin Bettina Müller und die Kunsttherapeutin und Leiterin des Projekts „Starke Kinder Kiste“- Prävention im Kindergarten“ Anna Heier.
Wenn praktisch jeder Mensch ein Täter sein kann, mit wem darf mein Kind dann überhaupt noch Umgang haben?
Müller: Das ist eine Frage, die uns auch bei Elternabenden oft gestellt wird: „Wem kann ich mein Kind noch anvertrauen?“ Die Eltern erfüllt es mit großer Sorge, wenn sie erfahren, dass die meisten Menschen, die Kinder missbrauchen, entweder Familienmitglieder oder der Familie sehr nahestehende Personen sind. Darum brauchen sie Informationen, was ein sexueller Missbrauch eigentlich ist und wie so ein Einstieg funktioniert.
Wie nähert sich ein Missbrauchstäter einem Kind?
Heier: Da sind wir jetzt bei den Täterstrategien. Sexueller Missbrauch findet meist über eine vertraute Beziehung statt. Der Täter baut also zunächst eine enge Beziehung zum Kind auf. Das geht am leichtesten bei einem Kind, das eine „emotionale Lücke“ hat, das also weniger Liebe erfährt, als es möchte, zum Beispiel weil die Eltern wenig Zeit haben, weil es sich nicht gemocht fühlt, keine Freunde hat… und dann kommt jemand, der sagt: „Du bist was ganz Besonderes“. Von da ist es nicht weit zu „… und wir machen ganz besondere Sachen“.
Muss ich also jedem misstrauen, den mein Kind mag und der gut mit ihm umgeht?
Müller: Nein! Es ist ganz wichtig für Kinder, Vertrauen in andere Menschen zu entwickeln und auch Menschenkenntnis zu erwerben.
Wann sollte ich hellhörig werden?
Müller: Manche Kinder sagen es direkt, andere versuchen es vielleicht indirekt in der Art: „Mama, kannst du Abend bitte nicht zu deinem Treffen gehen?“ Das muss natürlich nichts heißen, so ein Wunsch kann unterschiedliche Gründe haben. Wir sollten auch da nicht sofort mit Misstrauen und Alarm reagieren. Aber wenn Kinder so etwas äußern, sollte man immer nachfragen: „Weil…?“
Auch wenn Kinder sich scheinbar ohne Anlass ganz stark verändern von fröhlich zu sehr zurückgezogen, sollten die Eltern es fragen: Was ist los, geht es dir nicht gut?
Hilft es, mir immer, wenn das Kind mit jemand anderem allein war, mir erzählen zu lassen, was sie gemacht haben?
Müller: Der Täter oder die Täterin benennt natürlich nicht, was er oder sie da tut. Häufig beginnt der Übergriff mit einer Spielsituation. Zum Beispiel beim Playmobilspielen lässt er oder sie die Figuren im Pool plantschen und schlägt vor: „Komm, zieh Dich auch aus, ich creme dich ein.“ Kleine Kinder sind es ja gewohnt, dass sie von Erwachsenen angefasst werden, vom Wickeln bis zum Anziehen. Das Eincremen überrascht es also zunächst nicht. Der Übergang zum Missbrauch ist für ein Kind schwer zu erkennen, weil es nicht weiß, was erwachsene Sexualität ist. In der Beratung berichten Kinder oft, dass sie ein komisches Gefühl hatten: „Da passt was nicht“, aber sie können es nicht benennen. Also sagt es „Wir haben Playmobil gespielt“, und die Eltern bleiben ahnungslos.
Der Schlüssel liegt also beim Kind?
Müller: Schlüssel dürfen Sie meinetwegen sagen, aber verwechseln Sie das ja nicht mit Verantwortung! Wir Erwachsenen sind dafür verantwortlich, dem Kind den beziehungsweise eigentlich die drei Schlüssel zu geben, die es braucht.
Welche sind das?
Müller: Emotionale Sicherheit ist der erste. Wie gesagt: Ein Kind, das sich geliebt und gut aufgehoben fühlt, ist weniger gefährdet, ein „exklusives“ Vertrauensangebot anzunehmen.
Der zweite ist die klare Aussprache. Kinder sprechen leichter über ihre Gefühle, wenn sie es gewohnt sind, dass in der Familie über Gefühle gesprochen wird, ohne dass sie gleich bewertet werden; dass Gefühle ihren Platz haben dürfen und ernst genommen werden.
Der dritte ist das Körperbewusstsein: Wir haben in der Familie Worte für Geschlechtsteile, wir kennen unseren Körper, wir können sagen: er oder sie hat mich an der Brust/an der Vulva/am Penis angefasst – oder auch: Ich musste ihn oder sie da anfassen.
Heier: Mit diesen Themengehen wir in die Kindergärten und Vorschulen. Da werden wir oft gefragt: Warum so früh? Aber Missbrauch hat keine Altersgrenze nach unten. Ich appelliere an die Eltern, ihre Kinder altersgerecht aufzuklären und über die Gefahren zu sprechen.
Was sollen Eltern denn zu ihren Kindern sagen?
Heier: Sie sollten von den Eltern gesagt bekommen: Es gibt Menschen, die dich da anfassen wollen oder von dir angefasst werden wollen, und das musst du nicht erlauben. Erzähl es mir. Vermeiden Sie es übrigens, von „fremden“ oder „bösen“ Menschen zu sprechen, denn das Kind erlebt die übergriffige Person meist ja weder als fremd noch als böse . Damit würde die Warnung ins Leere gehen.
Macht man den Kindern nicht unnötig Angst, wenn man ihnen schon so früh von sexuellem Missbrauch erzählt?
Heier: Kinder haben keine Vorstellung von erwachsener Sexualität. Für sie ist das einfach eine Information. Aha, wenn das vorkommt, darf ich es erzählen. Falls dann so eine Situation tatsächlich auftaucht, haben sie schon eine Vorstellung, was da passieren kann und was sie tun können.
Haben Sie noch einen allgemeinen Rat für Eltern, wie sie ihre Kinder gegen Missbrauch schützen können?
Müller: Ja: gewaltfrei erziehen. Also nicht schlagen, nicht abwerten, mit dem Kind im Gespräch sein, gemeinsam Lösungen finden, in der Familie offen über Gefühle sprechen. Denn die Täter zwingen die Kinder zur Geheimhaltung. Wenn ein Kind gewohnt ist, auf Augenhöhe mit den Eltern über alles zu sprechen, sind sie viel schwerer zur Geheimhaltung zu bewegen als Kinder, die gewohnt sind, Erwachsenen fraglos zu gehorchen.
Soll ich mein Kind etwa bewusst zum Ungehorsam erziehen?
Müller: Nun ja, wer gewaltfrei erzieht, hat dann Kinder,die ihre Meinung sagen und vertreten. Das ist natürlich anstrengend. Aber Eltern wollen doch Kinder, die ihren Standpunkt verteidigen können, wenn zum Beispiel ihre Freunde sie drängen, Alkohol, Rauchen oder andere Drogen zu probieren. Da soll sich das Kind doch trauen, Nein zu sagen. Und das muss es vorher in der Familie gelernt haben.
Das heißt, der beste Schutz gegen Missbrauch ist ein selbstbewusstes Kind?
Müller: Ja, ein starkes, informiertes Kind, das gewohnt ist, dass das eigene Gefühl zählt, das weiß, dass es Rechte hat, und wohin es sich im Notfall wenden kann.
Heier: Und es weiß, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt und wie man sie unterscheidet: Ein gutes Geheimnis hat meistens ein Enddatum, zum Beispiel den Geburtstag, für den die Überraschung gedacht ist, und es fühlt sich gut an. Ein schlechtes Geheimnis hat normalerweise kein Enddatum, und es fühlt sich nicht gut an. Ein solches Geheimnis darf, ja, soll es sogar weitersagen.
Die Fragen stellte Almut Grote

