„Solche Fragen sind Ausdruck einer Führungsschwäche“

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Der Soziologe Norbert F. Schneider hatgemeinsam mit der Psychaterin Maria M. Bellinger das Buch „Mut tut gut“ geschrie-ben. Ihr Eindruck war: Viele Eltern scha-den mit ihrer Erziehung den Kindern, sich selbst und der ganzen Gesellschaft. Das
haben sie untersucht – und in Studien, Artikeln und 55 Interviews mit Fachleuten
bestätigt gesehen. „Unnötig kompliziert“ sei die Elternschaft heutzutage, sagt Norbert F. Schneider im Interview mit der „ZEIT am Wochenende“: „Elternschaft wird mit immer mehr Erwartungen aufgeladen – von der Gesellschaft, von Kitas und Schulen, aber auch von Müttern und Vätern selbst…. Eltern sollen die kindlichen Bedürfnisse zu jedem Zeitpunkt entwicklungsgemäß begleiten. In manchen Kreisen führt das zu einer Art Semiprofessionalisierung und Semipädagogisierung von Eltern, die mit Intuition nichts zu tun hat.“ Grundsätzlich sei es nicht schlecht, sich zu informieren, räumt Schneider ein, doch man sollte es nicht übertreiben: „Kinder bedeuten Chaos, das liegt in ihrer Natur. Dieses Chaos trifft heute auf eine soziale Konstruktion von Elternschaft, die nach Perfektion und Optimierung strebt. Gleichzeitig schwindet eine gesunde Fehlerkultur. Ohne die lässt sich der Erziehungsalltag aber kaum bewältigen.“
Kaum noch elternfreie Zonen Statt den Kindern – und sich selbst – Freiräume zu lassen,
wollen, so Schneiders Beobachtung, „viele Eltern … die Möglichkeiten nicht nur ausschöpfen, sondern ihre Söhne und Töchter auch noch eng dabei begleiten, am liebsten jeden Schritt kontrollieren und miterleben.“ Mit ihrem Buch wollen Bellinger und Schneider Eltern ermuntern, ihren Kindern wieder mehr zuzutrauen. „Nie konnten Kinder so gesund und sicher in Deutschland aufwachsen wie heute“, erklärt Schneider im Interview mit der ZEIT. „Doch das Gefühl ,Das ist zu gefährich für dich, zu ungesund, zu anstrengend‘ scheint weit verbreitet zu sein. Sie nehmen damit ihren Kindern die Möglichkeit, selbst Verantwortung zu übernehmen und an Konfliktsituationen zu wachsen.“

Andererseits muten sie ihren Kindern Entscheidungen zu, die diese noch gar nicht selbst treffen sollten. Schneider: Eine Psychiaterin sagte uns: Wenn du möchtest, dass dein Kind Tee trinkt, frag nicht, ob es Tee möchte, son- dern ob es ihn aus der blauen oder der roten Tasse will. Das Entscheidende ist, dass Eltern die Kernentscheidung treffen: Ich möchte, dass mein Kind Tee trinkt. Oft verfallen Mütter und Väter stattdessen in eine Servicementalität, die sie selbst und das Kind stresst: Möch-
test du Tee, Apfelsaftschorle oder doch lieber Kakao? Hast du jetzt schon Hunger oder willst du lieber später essen?“ Solche Fragen seien schlicht „Ausdruck einer Führungsschwäche“. Selbstverständlich, betont Schneider im Interview, seien keineswegs alle Eltern so extrem „überbehütend“. Am anderen Ende des
Spektrums gebe es die, „die sich zu wenig kümmern, deren Kinder am Rand der Ver-
wahrlosung leben“, und dazwischen ganz viele Eltern, die „ihre Sache tatsächlich gut“
machten.

Ermutigung hat Schneider auch für die Eltern: Nach positiven Folgen der heutigen
Erziehung gefragt, erläutert er: „Kinder heute sind zum Beispiel viel kompetenter, was den Umgang mit Vielfalt angeht, sie sind besser in Fremdsprachen, sensibler in der Wahrnehmung und Äußerung von Gefühlen und interessieren sich stärker für die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge.“ Sein abschließender Appell: „Eltern sollten wieder mehr Gelassenheit wagen und mehr Zutrauen entwickeln, in die eigenen Kompe- tenzen und die ihrer Kinder.“