Fünfzehn Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch sind 2025 bei der Polizei allein im Stadtkreis Ulm angezeigt worden, mit insgesamt 17 betroffenen Kindern (siehe Kasten). Und das sind nur die, die angezeigt wurden. Die Zahlen steigen tendenziell an. Eltern sind verunsichert: Wem können wir unsere Kinder überhaupt noch anvertrauen – und wem besser nicht? Diese Frage hat „Kinder in der Stadt“ der Einrichtung gestellt, die sich am besten mit den Tätern auskennt: ein Interview mit Dr. Elisabeth Quendler-Adamo, Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle „Kein Täter werden“ in Ulm.
Wie kann ich mein Kind vor Pädophilen schützen?
Gleich zu Beginn dieses Gesprächs ist mir ganz wichtig, dass wir differenzieren müssen: Pädophilie und Missbrauch sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Pädophilie ist eine Diagnose, Missbrauch ist ein Verhalten. Die können zusammen auftreten, müssen es aber nicht.
Pädophilie ist eine Störung, die bedeutet, dass Menschen sexuell erregt auf Kinderkörper reagieren – was nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie diese Neigung auch ausleben.
Die Mehrheit des sexuellen Kindesmissbrauchs geht von Menschen aus, die eigentlich sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet sind. Weniger als die Hälfte der Taten, etwa 30 bis 50 Prozent, gehen auf eine pädophile Motivation zurück. Ich habe in der Justizvollzugsanstalt lange mit verurteilten Sexualstraftätern gearbeitet; der Großteil waren sogenannte Ersatzhandlungstäter.
Was ist ein Ersatzhandlungstäter?
Das sind Menschen, die keine pädophile Neigung haben, durchaus auf Erwachsene sexuell ansprechen, aber aus Aggression, Rache, Machtlust oder anderen Motiven Sexualstraftaten begehen. Kinder sind dabei oft einfach die leichteren Opfer: Man kann ihr Vertrauen leichter gewinnen. Den Täter erregt dabei nicht das Kind selbst, sondern die Macht, die er ausübt, oder seine Rachephantasien, oder er stellt sich vor, er habe Sex mit seiner Partnerin, benutzt dazu aber das Kind – diese Taten haben eine ganz andere Qualität.
Kinder als Blitzableiter für Aggressionen?
„Aggression“ im therapeutischen Sinne ist nicht dasselbe, was Sie sich jetzt vorstellen. (Das Wort kommt vom lateinischen „aggredere – auf jemanden/etwas zugehen“.) Jeder Übergriff ist ein aggressiver Akt, eine Grenzverletzung. Das muss überhaupt nicht gewalttätig sein. Die Ausprägung der offensichtlichen Gewalt ist oft relativ gering. Viele Täter rechtfertigen sich damit: „Ich will dem Kind doch nicht weh tun“ oder gar „Es hat dem Kind doch Spaß gemacht“. Das sind kognitive Verzerrungen, wie sie alle Menschen verwenden – auch wir, wenn wir zum Beispiel falsch parken oder bei Rot über die Straße gehen…
…oder Pädophilie wörtlich übersetzen als „Ich hab halt Kinder lieb“?
Es ist mir wichtig zu betonen, dass es Pädophile gibt, die vollkommen verhaltensabstinent leben, also ihre Neigung niemals in Handlungen münden lassen. Als Handlung gelten dabei nicht nur „Hands-on“-Taten, sondern auch „Hands-off“-Taten, zum Beispiel Bilder oder Videos eines Missbrauchs anschauen. Diese Medien konsumieren übrigens auch Nicht-Pädophile.
Kann man also auch später im Leben noch pädophil werden?
Nein. Die sexuelle Neigung bildet sich mit der Geschlechtsreifung aus. Manchmal braucht ein Mensch sehr lange, um das bei sich zu erkennen und anzunehmen, und kommt deshalb erst spät in die Beratung. Es kann aber nicht sein, dass jemand als Erwachsener noch plötzlich pädophil wird. Entweder war er es schon immer, oder er ist ein Ersatzhandlungstäter, also zum Beispiel pornosüchtig; diese Menschen brauchen immer stärkere „Reize“ bis hin zum Illegalen.
Vor wem muss ich also mein Kind schützen?
Es ist wichtig zu sehen, dass vieles möglich ist. Es ist nicht immer „Der Pädophile“ und jeder Mensch ist anders. Es ist nie Schema F. Deshalb ist mir wichtig, differenziert darüber zu sprechen und keine Stigmatisierung zu befördern.
Wer wird stigmatisiert?
Wenn in den Medien beispielsweise Schlagzeilen erscheinen wie „pädophiles Monster gefasst“ oder „Pädophilenring gesprengt“, transportiert das eine Stimmung. So in einen Topf geworfen zu werden mit Missbrauchstätern (die womöglich gar nicht pädophil sind), das macht etwas mit pädophilen Menschen, die sehr bewusst keine Täter sein wollen, sich selbst täglich streng kontrollieren, eventuell extra bei uns in Behandlung sind.
Wie geht so eine Behandlung eigentlich?
Am Anfang steht natürlich die Diagnostik. Wir lernen die Biografie des Menschen kennen und stellen seine sexuelle Neigung fest. Dann bearbeiten wir Risikosituationen und allfällige Beziehungsstörungen. Oft gelingt es sogar, dem Patienten zu ermöglichen, Beziehungen mit Gleichaltrigen zu leben. Pädophilie ist nicht immer ausschließlich, viele Pädophile können auch zu Erwachsenen Beziehungen haben. Wenn wir dafür sorgen, dass die erwachsene Beziehung gut funktioniert, trägt das dazu bei, den Fokus von den Kindern wegzunehmen, ihn unbedeutender werden zu lassen.
Bei den einzelnen ausschließlich pädophilen Menschen kann ich eine Problemeinsicht erarbeiten, die Motivation fördern (die er ja durch Aufsuchen der Beratungsstelle schon gezeigt hat), und Strategien entwickeln, auf Sexualität im realen Leben zu verzichten.
Zurück zur Ausgangsfrage: Vor welchen Menschen oder welchen Situationen muss ich, muss mein Kind sich in Acht nehmen?
Es steht Menschen, die solche Taten begehen wollen, nicht auf der Stirn geschrieben. Es ist zwar auch schon vorgekommen, dass Kinder von der Straße weg entführt wurden, aber die weitaus größte Zahl der Übergriffe geschehen im nahen Umfeld des Kindes, mit Familienangehörigen oder guten Bekannten. Solange Sie danebenstehen, wird dem Kind natürlich nichts passieren, aber Sie können nicht überall dabei sein.
Muss ich mein Kind also entweder begleiten oder zu Hause lassen?
Nur in Angst zu leben, wäre nicht gut. Wir brauchen ein gesundes Mittelmaß aus Vorsicht und Vertrauen; schließlich gibt es auch einfach Menschen, die Kinder gerne haben und gut mit ihnen umgehen wollen ohne unlautere Absichten zu haben. Kinder brauchen ja auch Bezugspersonen außerhalb der Familie. Diese Kontakte dürfen Eltern durchaus beobachten. Ausschlaggebend dürfte aber sein, wie viel Vertrauen das Kind zu sich selbst und zu seinen Eltern hat. Kinder werden leichter Opfer, wenn sie viel auf sich allein gestellt sind, Aufmerksamkeit und Anerkennung woanders suchen, und nicht wissen, mit wem sie worüber sprechen können.
……..
Was heißt „pädophil“?
„Pädophil“ sind Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, „hebephil“, wenn die Neigung sich auf Jugendliche bezieht. Längst nicht jeder Mensch mit einer Pädophilie oder Hebephilie begeht sexuellen Kindesmissbrauch – und nicht jeder Sexualstraftäter ist pädophil oder hebephil. Dennoch muss beachtet werden, dass eine solche Neigung einem Missbrauch vorausgehen kann. Bei etwa 30 bis 50 Prozent der Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, bestand das sexuelle Interesse an Kindern bereits seit dem Jugendalter. Eine gute Verhaltenskontrolle ist bei Pädophilie also wichtig. Deshalb gibt es die Beratungsstelle „Kein Täter werden“. Sie hilft Pädophilen, ihre Neigung von vornherein so gut zu kontrollieren, dass Kinder von ihnen nichts zu befürchten haben. (Quelle: kein-taeter-werden.de)
Was ist „sexueller Kindesmissbrauch“?
Als sexuellen Kindesmissbrauch definiert das Strafgesetzbuch alle sexuellen Handlungen an und vor einem Kind oder die Veranlassung sexueller Handlungen durch das Kind an sich selbst oder an einer dritten Person. Ein sexueller Kindesmissbrauch liegt ebenfalls vor, wenn durch Vorzeigen pornografischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornografischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornografischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden eingewirkt wird (§ 176 StGB). (Quelle: kein-taeter-werden.de)
Als Kinder gelten alle Personen unter 14 Jahren. Sie gelten als nicht dazu in der Lage, Situationen adäquat einzuschätzen und Folgen abzuwägen, sondern Erwachsenen in diesem Sinne unterlegen und darauf angewiesen, von ihnen geschützt zu werden. Kinder können also nicht in sexuelle Handlungen mit Erwachsenen einwilligen, beziehungsweise kann man einer scheinbaren Einwilligung keine Bedeutung beimessen.
Täter sind meist gut bekannt
Die aktuelle Statistik des Polizeipräsidiums Ulm ist Ende Februar veröffentlicht worden. Hier ein Auszug mit den Zahlen zum sexuellen Kindesmissbrauch. Die erste Tabelle zeigt die Schwere der Tat, die zweite die Beziehung, in der das Opfer zum Täter stand – nur in vier Fällen war es ein Fremder.
Entwicklung der Fallzahlen sexueller Missbrauch von Kind mit Körperkontakt im Stadtkreis Ulm

Grobe Erläuterung (näheres siehe StGB und einschlägige Kommentierungen):
§176(1), Nr. 1,2 StGB = sexuelle Handlung an Kind (U14) oder ein Kind dazu bestimmt sexuelle Handlungen an sich oder Dritten vorzunehmen
§176c(1), Nr. 2 StGB = besonders schwerer Fall (Täter ist Ü18 und vollzieht Beischlaf bzw. bestimmt das Kind dazu)
§176c (1), Nr. 1,3,4 StGB = besonders schwerer Fall (Wiederholungstäter, gemeinschaftliche Tat, schwere gesundheitliche Schädigung)
Darauf aufbauend nachfolgend die Anzahl an Opfern und die Art der Beziehung in der sie zum jeweiligen Täter standen.
Die Diskrepanz zwischen Fallzahl und Opferzahl ergibt sich daraus, dass in einem Fall mehrere Opfer betroffen sein können.


